Leni Riefenstahl gilt bis heute als eine der umstrittensten Figuren der deutschen Filmgeschichte. Sie drehte technisch aufwendige Propagandafilme für das NS-Regime und verbrachte den Rest ihres langen Lebens damit, genau diese Nähe möglichst elegant kleinzureden, ohne sich zu distanzieren. Im Zentrum steht Riefenstahls Selbstinszenierung über Jahrzehnte hinweg, ihr Versuch, die eigene Biografie zu kontrollieren, umzuschreiben oder zumindest weichzuzeichnen. Der Film arbeitet mit umfangreichem Archivmaterial aus privaten Nachlässen, Interviews, Briefen, Tonaufnahmen und bislang kaum gesehenen Dokumenten. Immer wieder tritt Leni Riefenstahl selbst auf, in unterschiedlichen Lebensphasen, mal als junge, ehrgeizige Künstlerin, mal als alte Dame mit erstaunlicher Ausdauer im Wegerklären. Der Regisseur Veiel verfolgt dabei, wie Riefenstahl ihre Nähe zum Nationalsozialismus relativiert, wie sie Verantwortung verschiebt und wie konsequent sie sich selbst als unpolitische Ästhetin beschreibt. Parallel dazu legt der Film offen, wie sehr ihre Karriere, ihre Arbeitsbedingungen und ihre internationalen Möglichkeiten direkt mit dem NS-System verknüpft waren. Der Film erzählt das alles ohne finale Enthüllungssensation, sondern lässt Material, Widersprüche und Leerstellen gegeneinander arbeiten. Eine Auflösung im klassischen Sinn gibt es nicht, eher eine verstörende Irritation. Es ist letztendlich eine sehr gelungene Dokumentation ohne den üblichen Drama-Aufbau oder nerviger Sensationsheischerei. Stattdessen beobachtet der Film, wie sich eine der bekanntesten Regisseurinnen des 20. Jahrhunderts (man muss es ja leider so sagen) über Jahrzehnte hinweg ein eigenes Narrativ aufbaut. Und zwar mit erstaunlicher Disziplin. Dass das nicht als Ehrenrettung endet, ist der sehr gelungenen Montage zu verdanken. Keine Erklärgrafiken, kein moralisch-aufdringlicher Unterbau... Produziert wurde der Film unter anderem von Sandra Maischberger, was man dem Projekt positiv anmerkt. Hier geht es nicht um schnelle Effekte, sondern um Recherche. Die Dreharbeiten zogen sich über mehrere Jahre, Archive wurden neu gesichtet, private Bestände geöffnet. Gerade in der heutigen Zeit ist so ein Film wichtig, denn es geht um Selbstinszenierung, Verleugnung, Verdrehen von Tatsachen und darum, wie bequem es sein kann, sich ein eigenes Bild der Geschichte zu bauen, solange man nur lange genug daran festhält. Genau so wird es vermutlich später vielen Leuten gehen, die als Handlanger für die Trump-Regierung gearbeitet haben. (Haiko Herden)
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