Lord of the Flies (Mini-Serie)(Großbritannien, Australien 2026)Originaltitel: Lord of the Flies (Mini-Series) Alternativtitel: Regie: Marc Munden Darsteller/Sprecher: Winston Sawyers, Lox Pratt, David McKenna, Ike Talbut, Thomas Connor, Noah Flemyng, Cassius Flemyng, Cornelius Brandreth, Rory Kinnear, Tom Goodman-Hill, Genre: - Action/Abenteuer - Drama - TV-Serie
|
Nach einem Flugzeugabsturz landet eine Gruppe britischer Schuljungen auf einer tropischen Insel. Ohne Erwachsene. Ralph versucht, mit Hilfe von einem Jungen, der wegen seines Übergewichts Piggy genannt wird, Ordnung in die Sache zu bringen. Jack dagegen, Anführer eines Chors und bald sehr interessiert an Jagd, Macht und Bemalung, entwickelt eine eigene Vorstellung von Führung...
Die vierteilige BBC-Miniserie "LORD OF THE FLIES" wurde von Jack Thorne entwickelt und geschrieben, von Marc Munden inszeniert und basiert auf William Goldings Roman von 1954. Die Folgen stellen jeweils eine der zentralen Figuren stärker in den Mittelpunkt: Piggy, Jack, Simon und Ralph. Es handelt sich um die erste Fernsehadaption des Romans. Man denkt zuerst: Muss das wirklich noch einmal sein? Der Roman ist Schullektüre, Klassiker, Prüfungsstoff, Kulturdenkmal, also all das, was einem ein Buch schnell ein bisschen madig machen kann. Und dann kommt diese BBC-Serie und zeigt erfreulich deutlich: Ja, das musste offenbar noch einmal sein. Nicht, weil die Geschichte neu erfunden wird, sondern weil sie hier Raum bekommt. Vier Stunden statt Spielfilmlänge. Vier Blickwinkel statt nur dem großen Absturz in die Barbarei. Das tut der Geschichte recht gut.
William Golding veröffentlichte "Lord of the Flies" 1954 als seinen ersten Roman. Später erhielt er 1983 den Literaturnobelpreis; die Nobelstiftung nennt "Lord of the Flies" ausdrücklich als Goldings Debüt und als einen rasch weltweit erfolgreichen Roman. Golding war Lehrer, diente im Zweiten Weltkrieg in der Royal Navy und hatte nach diesen Erfahrungen offenbar wenig Lust auf gemütliche Kinderinsel-Abenteuer, in denen britische Jungen sich automatisch als kleine Musterbürger erweisen. Die BBC-Serie versteht das sehr gut. Sie macht aus "LORD OF THE FLIES" keinen modernen Actionthriller und auch keine hippe Neuinterpretation mit Überdramatik. Die Geschichte spielt weiterhin in den frühen 1950er Jahren. Diesen Jungs wurden Disziplin, Rangordnung, Gehorsam, Männlichkeit und ein sehr festes Bild von Stärke beigebracht. Auf der Insel fällt nicht plötzlich die Zivilisation ab wie ein nasser Mantel. Man merkt, wie viel Gewalt schon vorher in dieser Zivilisation drinsteckte.
Im Vergleich zum Buch arbeitet die Serie stärker mit Innenansichten. Goldings Roman ist knapp und hart. Er beobachtet die Kinder oft fast wie Versuchstiere. Die Serie dagegen gibt den Figuren mehr emotionale Tiefe. Piggy ist nicht nur das Symbol für Vernunft, Verletzlichkeit und Brillenglas, sondern ein richtiger Junge mit Scham, Sehnsucht und einem ziemlich klaren Blick. David McKenna spielt ihn wirklich großartig. Aber auch die anderen Darsteller sind toll. Besonders stark ist die Serie, wenn sie die Gruppendynamik zeigt. Man schaut dabei zu, wie Gemeinschaft entsteht und gleich wieder kippt. Das ist fast schon Horror. Die Serie zeigt, wie schnell Kinder die Sprache der Erwachsenen übernehmen: Befehle, Strafen, Ränge, Ausschluss aus der Gemeinschaft, Feindbilder. Niemand muss ihnen das auf der Insel erst beibringen. Sie haben es mitgebracht.
Aber auch optisch ist das Ganze toll. Die Insel ist schön, aber nicht gemütlich. Das Grün wirkt dicht, die Strände hell, das Wasser lädt zum Baden ein, und trotzdem liegt über allem irgendwie etwas Giftiges. Gedreht wurde übrigens unter anderem in Malaysia. Man fühlt die Hitze, die Erschöpfung, den Schmutz. Das hätte man im Studio oder mit Computerkulissen nicht hingekriegt. Die Geschichte ist auf jeden Fall bis heute wichtig und zeigt, wie sich Gruppen radikalisieren, wie Menschen allgemein funktionieren. (Haiko Herden)
|