(MirandA Verlag, 2000 / mox & maritz, 2009)
Lesen in Form von Körperverletzung, das könnte das Buch ganz gut beschreiben. Die Erzählerin hatte es offenbar nicht leicht im Leben. Doch anstatt das Opfer zu spielen, hat es sie einfach nur hart gemacht. Sie wurde verletzt, also greift sie heute an. Aus Selbsthass wird Hass auf andere, beziehungsfähig ist jedenfalls anders. Das Buch hat keine echte Geschichte, es sind eher Episoden aus dem Leben der Erzählerin, die von den kaputten Beziehungen und anderen Details erzählen. Aber nicht im therapeutischen Ton, sondern so direkt, dass es unangenehm ist. Aber natürlich spannend zu lesen. Lydia Lunch habe ich irgendwie nie so richtig verfolgt, warum auch immer. Geboren wurde sie 1959 als Lydia Anne Koch in Rochester, New York. Bekannt wurde sie Ende der 1970er in der New Yorker No-Wave-Szene als Sängerin und Gitarristin von "Teenage Jesus and the Jerks", die zwar nicht lange existierten, aber genug Lärm machten, um bei vielen unvergessen zu bleiben. Sie arbeitete später als Musikerin, Spoken-Word-Performerin, Autorin, Schauspielerin und störte auch sonst hier und da. Guter Geschmack war wohl nie so ihre Sache.
Auch das Buch nicht. Vulgär, radikal, hart, roh, aggressiv, hassend, böshumorig, destruktiv und explizit und ohne Happy End. Also eigentlich gar kein richtiges Ende, es hört einfach auf, ohne dass man irgendwie denken könnte: Nun ist alles gut. Die Erzählerin, vermutlich in Teilen die Autorin selbst, ich denke, ein paar Dinge davon sind wohl autobiografisch, ist Opfer, Täterin, Beobachterin, Anklägerin, Performerin und manchmal auch ihr eigener schlimmster Feind. Man muss sie nicht mögen. Würde man im echten Leben vermutlich auch nicht. Wahrscheinlich würde sie das auch gar nicht wollen. Nicht mal sicher, ob man sie überhaupt aushalten könnte.
Muss, sollte, kann man diesen Roman feministisch nennen? Kommt sicher drauf an, wie man das Wort "Feminismus" definiert. Ich würde sagen, ja, die Protagonistin, und das Wort müsste man eigentlich in Anführungszeichen setzen, ist zumindest eine "starke Frau", wobei auch dieser Begriff irgendwie schon wieder unfeministisch ist. Sie begibt sich nicht in die Opferrolle, macht das Gegenteil nun aber auch in einer ziemlich kaputten Weise. Dient also nicht wirklich als Vorbild. Ach, schweres Thema, man sollte sich da einfach selbst ein Bild machen und das für sich entscheiden, das Ganze ist einfach zu weitläufig, um es einfach mal schnell in einem Absatz abzuhandeln.
"PARADOXIE" ist jedenfalls kein Wohlfühlbuch, sondern ein lesenswerter Faustschlag aus dem Underground: roh, schmutzig, wütend und gerade deshalb so lesenswert, wenn man bereit ist, sich von Lydia Lunch nicht an die Hand nehmen, sondern eher zwischen die Beine treten zu lassen. (Haiko Herden)
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